abcphilde archiv                                                                                                                             manfred herok   2014 

Johann Gottlieb Fichte
Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre

Deduction der Vorstellung.

I.

    Wir setzen uns zuvörderst recht fest auf dem Puncte, bei welchem wir angekommen waren.

    Auf die ins Unendliche hinaus gehende Thätigkeit des Ich, in welcher eben darum, weil sie ins Unendliche hinaus geht, nichts unterschieden werden kann, geschieht ein Anstoss; und die Thätigkeit, die dabei keinesweges vernichtet werden soll, wird reflectirt, nach innen getrieben; sie bekommt die gerad' umgekehrte Richtung.

    Man stelle sich die ins unendliche hinausgehende Thätigkeit vor unter dem Bilde einer geraden Linie, die von A aus durch B nach C u.s.w. geht. Sie könnte angestossen werden innerhalb C oder über C hinaus; aber man nehme an, dass sie eben in C angestossen werde;
und davon liegt nach dem obigen der Grund nicht im Ich, sondern im Nicht-Ich.

    Unter der gesetzten Bedingung wird die von A nach C gehende Richtung der Thätigkeit des Ich reflectirt von C nach A.

    Aber auf das Ich kann, so gewiss es nur ein Ich seyn soll, gar keine Einwirkung geschehen, ohne dass dasselbe zurückwirkte. Im Ich lässt sich nichts aufheben, mithin auch die Richtung seiner Thätigkeit nicht. Mithin muss die nach A reflectirte Thätigkeit, insofern sie reflectirt ist, zugleich zurückwirken bis C.

    Und so erhalten wir zwischen A und C eine doppelte mit sich selbst streitende Richtung der Thätigkeit des Ich, in welcher sich die von C nach A als ein Leiden, und die von A nach C als blosse Thätigkeit ansehen lässt; welche beide ein und ebenderselbe Zustand des Ich sind.

    Dieser Zustand, in welchem völlig entgegengesetzte Richtungen vereinigt werden,
ist eben die Thätigkeit der Einbildungskraft: und wir haben jetzt ganz bestimmt das, was wir oben suchten, eine Thätigkeit, die nur durch ein Leiden, und ein Leiden,
das nur durch eine Thätigkeit möglich ist. - Die zwischen A und C liegende Thätigkeit des Ich ist eine widerstehende Thätigkeit; aber eine solche ist nicht möglich ohne ein Reflectirtseyn seiner Thätigkeit; denn alles Widerstehen setzt etwas voraus, dem widerstanden wird: sie ist ein Leiden, insofern die ursprüngliche Richtung der Thätigkeit des Ich reflectirt wird; aber es kann keine Richtung reflectirt werden, welche. nicht als diese Richtung, und zwar in allen Puncten derselben, Vorhanden ist.
Beide Richtungen, die nach A und die nach C, müssen zugleich seyn, und eben dass sie zugleich sind, löst die obige Aufgabe.

    Der Zustand des Ich, insofern seine Thätigkeit zwischen A und C liegt, ist ein Anschauen; denn Anschauen ist eine Thätigkeit, die nicht ohne ein Leiden, und ein Leiden, das nicht ohne eine Thätigkeit möglich ist. - Das Anschauen ist jetzt, aber bloss als solches, bestimmt für die philosophische Reflexion; aber noch völlig unbestimmt in Absicht des Subjects, als Accidens des Ich; denn dann müsste sich dasselbe von anderen Bestimmungen des Ich unterscheiden lassen, was bis jetzt noch nicht möglich ist; und ebenso unbestimmt in Absicht des Objects, denn dann müsste ein angeschautes als solches sich unterscheiden lassen von einem nicht angeschauten, welches bis jetzt gleichfalls unmöglich ist.

    (Es ist klar, dass die ihrer ersten ursprünglichen Richtung zurückgegebene Thätigkeit des Ich auch über C hinausgehe. Insofern sie aber über C hinausgeht, ist sie nicht widerstrebend, weil über C hinaus der Anstoss nicht liegt, mithin auch nicht anschauend. Also ist in C die Anschauung begrenzt, und das angeschaute begrenzt. Die über C hinausgehende Thätigkeit ist keine Anschauung, und das Object derselben kein angeschautes. Was beides seyn möge, werden wir zu seiner Zeit sehen. Hier wollten wir bloss bemerkbar machen, dass wir etwas liegen lassen, was wir einst wieder aufnehmen wollen.)

 

II.

 

    Das Ich soll anschauen; soll nun das anschauende nur wirklich ein Ich seyn,
so heisst dies soviel, als: das Ich soll sich setzen, als anschauend; denn nichts kommt dem Ich zu, als insofern es sich dasselbe zuschreibt.

    Das Ich setzt sich, als anschauend, heisst zuvörderst: es setzt in der Anschauung sich als thätig. Was es noch weiter heissen möge, wird in der Untersuchung sich von selbst ergeben. Insofern es sich nun in der Anschauung thätig setzt, setzt es sich selbst etwas entgegen, das in derselben nicht thätig, sondern leidend ist.

    Um in dieser Untersuchung uns zu orientiren, haben wir uns nur an das zu erinnern, was über den Wechsel im Begriffe der Substantialität oben gesagt ist. Beides entgegengesetzte, die Thätigkeit und das Leiden sollen sich nicht vernichten und aufheben, sie sollen neben einander bestehen: sie sollen sich bloss gegenseitig ausschliessen.

    Es ist klar, dass dem anschauenden, als thätigem, entgegengesetzt werden müsse ein angeschautes. Es fragt sich nur, wie und auf welche Art ein solches angeschaute gesetzt werden möge.

    Ein angeschautes, das dem Ich, dem insofern anschauenden Ich, entgegengesetzt werden soll, ist nothwendig ein Nicht-Ich; und hieraus folgt zuvörderst, dass eine ein solches angeschaute setzende Handlung des Ich keine Reflexion, keine nach innen, sondern eine nach aussen gehende Thätigkeit, also, soviel wir bis jetzt einsehen können, eine Production sey. Das angeschaute, als solches, wird producirt.

    Ferner ist klar, dass das Ich seiner Thätigkeit in dieser Production des angeschauten, als eines solchen, sich nicht bewusst seyn könne, darum, weil sie nicht reflectirt, dem Ich nicht zugeschrieben wird. (Nur in der philosophischen Reflexion, die wir jetzt anstellen, und die wir immer sorgfältig von der gemeinen nothwendigen zu unterscheiden haben, wird sie dem Ich beigemessen.)

    Das producirende Vermögen ist immer die Einbildungskraft; also jenes Setzen des angeschauten geschieht durch die Einbildungskraft, und ist selbst ein Anschauen19.

    Diese Anschauung nun soll einer Thätigkeit in der Anschauung, die das Ich sich selbst zuschreibt, entgegengesetzt seyn. Es sollen zugleich in einer und ebenderselben Handlung vorhanden seyn eine Thätigkeit des Anschauens, die das Ich vermittelst einer Reflexion sich zuschreibt, und eine andere, die es sich nicht zuschreibt. Die letztere ist ein blosses Anschauen; die erstere soll es auch seyn; aber sie soll reflectirt werden. Es ist die Frage, wie dies geschehe, und was daraus erfolge?

    Das Anschauen als Thätigkeit hat die Richtung nach C, ist aber lediglich insofern ein Anschauen, als sie der entgegengesetzten Richtung nach A widerstrebt. Widerstrebt sie nicht, so ist sie kein Anschauen mehr, sondern eine Thätigkeit schlechthin.

    Eine solche Thätigkeit des Anschauens soll reflectirt werden, d. i. die nach C hin gehende Thätigkeit des Ich (welche immer eine und ebendieselbe Thätigkeit ist) soll, und zwar als einer entgegengesetzten Richtung widerstrebend (denn sonst wäre es nicht diese Thätigkeit, nicht die Thätigkeit des Anschauens), nach A gelenkt werden.

    Die Schwierigkeit hierbei ist folgende: die Thätigkeit des Ich ist durch den Anstoss von aussen schon einmal nach A reflectirt, und jetzt soll sie, und zwar durch absolute Spontaneität (denn das Ich soll sich setzen, als anschauend, schlechthin, weil es ein Ich ist), abermals nach der gleichen Richtung reflectirt werden. Werden nun diese beidesmaligen Richtungen nicht unterschieden, so wird gar keine Anschauung reflectirt, sondern es wird bloss zu wiederholten Malen auf eine und ebendieselbe Art angeschaut; denn die Thätigkeit ist die gleiche: es ist eine und ebendieselbe Thätigkeit des Ich; und die Richtung ist die gleiche von C nach A. Sie müssen demnach, wenn die geforderte Reflexion möglich seyn soll, unterschieden werden können; und wir haben, ehe wir weiter gehen können, die Aufgabe zu lösen, wie und wodurch sie unterschieden werden?

 

III.

 

    Wir bestimmen diese Aufgabe naher. - Es lässt sich schon vor der Untersuchung vorher ungefähr einsehen, wie die erstere Richtung der Thätigkeit des Ich nach A von der zweiten gleichen Richtung unterschieden werden möge. Die erstere nemlich ist durch einen blossen Anstoss von aussen; die zweite wird durch absolute Spontaneität reflectirt. Dies können wir nun wohl von der Stufe unserer philosophischen Reflexion aus, auf welche wir uns vom Anfange der Untersuchung an willkürlich gestellt haben, erblicken; aber es ist die Aufgabe, eben dies für die Möglichkeit aller philosophischen Reflexion vorausgesetzte zu erweisen. Es ist die Frage, wie der menschliche Geist ursprünglich zu jener Unterscheidung zwischen einer Reflexion der Thätigkeit von aussen, und einer anderen von innen komme. Diese Unterscheidung ist es, die als Factum abgeleitet, und eben durch diese Ableitung erwiesen werden soll.

    Das Ich soll durch das Prädicat eines anschauenden bestimmt, und dadurch von dem angeschauten unterschieden werden. Dies war die Forderung, von welcher wir ausgingen, und wir konnten von keiner anderen ausgehen.
Das Ich, als Subject der Anschauung, soll dem Objecte derselben entgegengesetzt, und dadurch zu allererst vom Nicht-Ich unterschieden werden.
Es ist klar, dass wir in dieser Unterscheidung keinen festen Punct haben, sondern uns in einem ewigen Cirkel herumdrehen, wenn nicht erst die Anschauung an sich, und als solche, fixirt ist. Erst dann lässt das Verhältniss des Ich sowohl, als des Nicht-Ich zu ihr sich bestimmen. Die Möglichkeit, die oben gegebene Aufgabe zu lösen, hängt demnach von der Möglichkeit ab, die Anschauung selbst, und als solche, zu fixiren.

    Diese letztere Aufgabe ist gleich der soeben aufgestellten, die erstere Richtung nach A von der zweiten unterscheidbar zu machen; und eine wird durch die andere gelöst. Ist die Anschauung selbst einmal fixirt, so ist in ihr die erstere Reflexion nach A schon enthalten; und ohne Furcht vor der Verwechselung und dem gegenseitigen Aufheben kann nun, nicht eben die erste Richtung nach A, aber die Anschauung überhaupt nach A reflectirt werden.

 

    Die Anschauung, als solche, soll fixirt werden, um als Eins und Ebendasselbe aufgefasst werden zu können. Aber das Anschauen als solches ist gar nichts fixirtes, sondern es ist ein Schweben der Einbildungskraft zwischen widerstreitenden Richtungen. Dasselbe soll fixirt werden, heisst: die Einbildungskraft soll nicht länger schweben, wodurch die Anschauung völlig vernichtet und aufgehoben würde.
Das aber soll nicht geschehen; mithin muss wenigstens das Product des Zustandes in der Anschauung, die Spur der entgegengesetzten Richtungen, welche keine von beiden, sondern etwas aus beiden zusammengesetztes ist, bleiben.

    Zu einem solchen Fixiren der Anschauung, die erst dadurch eine Anschauung wird, gehört dreierlei. Zuvörderst die Handlung des Fixirens oder Festsetzens.
Das ganze Fixiren geschieht zum Behuf der Reflexion durch Spontaneität, es geschieht durch diese Spontaneität der Reflexion selbst, wie sich sogleich zeigen wird; mithin kommt die Handlung des Fixirens zu dem schlechthin setzenden Vermögen im Ich, oder der Vernunft. - Dann, das bestimmte oder bestimmt werdende; - und das ist bekanntermaassen die Einbildungskraft, deren Thätigkeit eine Grenze gesetzt wird. - Zuletzt das durch die Bestimmung entstandene; - das Product der Einbildungskraft in ihrem Schweben. Es ist klar, dass, wenn das geforderte Festhalten möglich seyn solle, es ein Vermögen dieses Festhaltens geben müsse; und ein solches Vermögen ist weder die bestimmende Vernunft, noch die producirende Einbildungskraft,
mithin ist es ein Mittelvermögen zwischen beiden. Es ist das Vermögen, worin ein wandelbares besteht, gleichsam verständigt wird20, und heisst daher mit Recht der Verstand.
- Der Verstand ist Verstand, bloss insofern etwas in ihm fixirt ist; und alles, was fixirt ist, ist bloss im Verstande fixirt. Der Verstand lässt sich als die durch Vernunft fixirte Einbildungskraft, oder als die durch Einbildungskraft mit Objecten versehene Vernunft beschreiben. - Der Verstand ist ein ruhendes, unthätiges Vermögen des Gemüths, der blosse Behälter des durch die Einbildungskraft hervorgebrachten, und durch die Vernunft bestimmten und weiter zu bestimmenden; was man auch von Zeit zu Zeit über die Handlungen desselben erzählt haben mag.

    (Nur im Verstande ist Realität21; er ist das Vermögen des Wirklichen; in ihm erst wird das Ideale zum Realen [daher drückt verstehen auch eine Beziehung auf etwas aus, das uns ohne unser Zuthun von aussen kommen soll]. Die Einbildungskraft producirt Realität; aber es ist in ihr keine Realität; erst durch die Auffassung und das Begreifen im Verstande wird ihr Product etwas Reales. - Demjenigen, dessen wir uns als eines Productes der Einbildungskraft bewusst sind, schreiben wir nicht Realität zu; wohl aber dem, was wir im Verstande, dem wir gar kein Vermögen der Production, sondern bloss des Aufbehaltens zuschreiben, als enthalten antreffen.
- Es wird sich zeigen, dass man in der Reflexion, vermöge der Gesetze derselben,
nur bis auf den Verstand zurückgehen könne, und in diesem dann allerdings etwas der Reflexion gegebenes, als einen Stoff der Vorstellung, antreffe; der Art aber, wie dasselbe in den Verstand gekommen, sich nicht bewusst werde.
Daher unsere feste Ueberzeugung von der Realität der Dinge ausser uns, und ohne alles unser Zuthun, weil wir uns des Vermögens ihrer Production nicht bewusst worden. Wurden wir in der gemeinen Reflexion uns bewusst, wie wir in der philosophischen uns dessen allerdings bewusst werden können, dass sie erst durch die Einbildungskraft in den Verstand kommen, so würden wir wieder alles für Täuschung erklären wollen, und würden durch das letztere ebenso Unrecht haben, als durch das erstere).

 

IV.

 

    Wir nehmen den Faden unseres Raisonnements wieder auf, wo wir ihn, weil es unmöglich war ihn weiter zu verfolgen, fallen liessen.

    Das Ich reflectirt seine in der Anschauung nach C gehende Thätigkeit.
Als widerstehend einer entgegengesetzten von C nach A gehenden Richtung, kann sie nicht reflectirt werden, aus dem oben angeführten Grunde. Dennoch kann sie auch nicht als eine überhaupt nach aussen gehende Thätigkeit reflectirt werden, denn dann wäre es die ganze unendliche Thätigkeit des Ich, welche nicht reflectirt werden kann; aber nicht die in der Anschauung vorkommende, deren Reflexion doch gefordert worden ist. Mithin muss sie reflectirt werden als bis C gehende, als in C begrenzte und bestimmte Thätigkeit; welches das erste wäre.

    In C wird demnach die anschauende Thätigkeit des Ich durch die absolute in der Reflexion handelnde Thätigkeit begrenzt. Da - aber diese Thätigkeit bloss reflectirend, nicht aber (ausser in unserer gegenwärtigen philosophischen Reflexion) selbst reflectirt ist, so wird die Begrenzung in C dem Ich entgegengesetzt, und dem Nicht-Ich zugeschrieben. Ueber C in die Unendlichkeit hinaus wird ein bestimmtes Product der absolut producirenden Einbildungskraft durch eine dunkle, nicht reflectirte und nicht zum bestimmten Bewusstseyn kommende Anschauung gesetzt, welches das Vermögen der reflectirten Anschauung begrenzt; gerade nach der Regel und aus dem Grunde, aus welchem das erste unbestimmte Product überhaupt gesetzt wurde.
Welches das zweite wäre. - Dieses Product ist das Nicht-Ich, durch dessen Entgegensetzung für den gegenwärtigen Behuf das Ich überhaupt erst als Ich bestimmt, - wodurch erst das logische Subject des Satzes: das Ich ist anschauend, möglich wird.

    Die so bestimmte Thätigkeit des anschauenden Ich wird, wenigstens ihrer Bestimmung nach, festgesetzt und begriffen im Verstande zu weiterer Bestimmung; denn ohne dies würden widersprechende Thätigkeiten des Ich sich durchkreuzen,
und einander gegenseitig vernichten.

    Diese Thätigkeit geht von A nach C und soll in dieser Richtung, aber durch eine reflectirende, also von C nach A gehende Thätigkeit des Ich aufgefasst werden.
- Es ist klar, dass in dieser Auffassung entgegengesetzte Richtungen vorkommen,
dass mithin diese Auffassung durch das Vermögen des Entgegengesetzten, durch die Einbildungskraft geschehen, also selbst eine Anschauung seyn müsse.
Welches das dritte wäre. Die Einbildungskraft in ihrer gegenwärtigen Function producirt nicht, sondern fasst bloss auf (zum Setzen im Verstande, nicht etwa zum Aufbehalten) das schon producirte und im Verstande begriffene, und heisst daher reproductiv.

    Das anschauende muss, und zwar als solches, d.h. als thätig, bestimmt, es muss ihm eine Thätigkeit entgegengesetzt werden, die nicht dieselbe, sondern eine andere sey. Thätigkeit aber ist immer Thätigkeit, und bis jetzt kann in ihr nichts unterschieden werden als ihre Richtung. Eine solche entgegengesetzte Richtung aber ist die durch das Reflectirtseyn von aussen entstandene und im Verstande aufbehaltene Richtung von C nach A. Welches das vierte wäre.

    Diese entgegengesetzte Richtung muss, insofern die im Anschauen vorhandene dadurch bestimmt werden soll, selbst an geschaut werden; und so ist denn mit der Bestimmung des anschauenden zugleich eine, aber nicht reflectirte, Anschauung des angeschauten vorhanden.

    Aber das angeschaute selbst muss als ein angeschautes bestimmt werden wenn es dem anschauenden entgegengesetzt werden soll. Und dies ist nur möglich durch Reflexion. Es ist bloss die Frage, welche nach aussen gehende Thätigkeit reflectirt werden solle; denn es muss eine nach aussen gehende Thätigkeit seyn, die reflectirt wird, aber die im Anschauen von A nach gehende Thätigkeit giebt die Anschauung des Anschauenden.

    Es ist oben erinnert worden, dass zum Behuf der Begrenzung der Anschauung überhaupt in C die producirende Thätigkeit des Ich über C hinaus in das unbestimmte gehen müsse. Diese Thätigkeit wird aus der Unendlichkeit über C nach A reflectirt. Aber von C nach A liegt die im Verstande ihrer Spur nach aufbehaltene erstere Richtung, die der dem Ich zugeeigneten Thätigkeit von A nach C in der Anschauung widerstrebt: und in Beziehung auf dieselbe dem dem Ich entgegengesetzten, d. i. dem Nicht-Ich zugeeignet werden muss. Diese entgegengesetzte Thätigkeit wird als eine entgegengesetzte angeschaut; welches das fünfte wäre.

    Dieses angeschaute muss als solches bestimmt werden, und zwar als das dem anschauenden entgegengesetzte angeschaute; also durch ein nicht-angeschautes, das aber doch ein Nicht-Ich ist. Ein solches aber liegt als absolutes Product der Thätigkeit des Ich über C hinaus Innerhalb C und A aber liegt das angeschaute, welches nach seiner Bestimmung im Verstande als etwas reales aufgefasst wird. Welches das sechste wäre.

    Sie verhalten sich gegenseitig wie Thätigkeit und Leiden (Realität und Negation), und sind demnach vereinigt durch Wechselbestimmung. Kein angeschautes, kein anschauendes, und umgekehrt. Hinwiederum, wenn und inwiefern ein angeschautes gesetzt ist, ist ein anschauendes gesetzt, und umgekehrt.

    Beide müssen bestimmt werden, denn das Ich soll sich setzen, als das anschauende, und sich insofern dem Nicht-Ich entgegensetzen; zu diesem Behufe aber bedarf es eines festen Unterscheidungsgrundes zwischen dem anschauenden und angeschauten; einen solchen aber giebt laut obiger Erörterungen die Wechselbestimmung nicht.

    So wie das eine weiter bestimmt wird, wird es durch dasselbe auch das andere, eben darum, weil sie

in Wechselbestimmung stehen. Eines von beiden aber muss aus dem gleichen Grunde durch sich selbst, und nicht durch das andere, bestimmt werden, weil wir ausserdem aus dem Kreise der Wechselbestimmung nicht herauskommen.

 

V.

 

    Das anschauende an sich, d. i. als Thätigkeit, ist schon dadurch bestimmt, dass es in Wechselbestimmung steht; es ist eine Thätigkeit, der im entgegengesetzten ein Leiden correspondirt, eine objective Thätigkeit. Eine solche wird weiter bestimmt durch eine nicht-objective, mithin reine Thätigkeit, Thätigkeit überhaupt und schlechthin.

    Beide sind entgegengesetzt; beide müssen auch synthetisch vereinigt, d. i. gegenseitig durcheinander bestimmt werden:
1) die objective Thätigkeit durch die Thätigkeit schlechthin. Die Thätigkeit überhaupt ist die Bedingung aller objectiven Thätigkeit; sie ist Realgrund derselben.
2) Die Thätigkeit überhaupt durch die objective Thätigkeit ist gar nicht zu bestimmen, ausser durch ihr entgegengesetztes, das Leiden; mithin durch ein Object der Thätigkeit, und also durch objective Thätigkeit. Objective Thätigkeit ist der Bestimmungs- oder IdealGrund der Thätigkeit überhaupt.
3) Beide sind wechselseitig durch einander zu bestimmen, d. i. die Grenze zwischen beiden muss gesetzt werden. Diese ist der Uebergang von der reinen zur objectiven Thätigkeit, und umgekehrt; die Bedingung, auf welche reflectirt, oder von ihr abstrahirt werden kann.

    Diese Bedingung, als solche, d. i. als Grenze der reinen und der objectiven Thätigkeit wird angeschaut durch die Einbildungskraft, fixirt im Verstande; beides auf die oben beschriebene Weise.

    Die Anschauung ist objective Thätigkeit unter einer gewissen Bedingung. Unbedingt wäre sie nicht objective Thätigkeit, sondern reine.

    Vermöge der Bestimmung durch den Wechsel ist das angeschaute auch nur unter einer gewissen Bedingung ein angeschautes. Ausser der Bedingung wäre es kein angeschautes, sondern ein schlechthin gesetztes, ein Ding an sich: ein Leiden schlechthin, als Gegentheil einer Thätigkeit schlechthin.

 

VI.

 

    Sowohl für das anschauende, als das angeschaute, ist die Anschauung etwas bedingtes. Durch dieses Merkmal sind (sie) demnach23 noch nicht zu unterscheiden, und wir haben sie jetzt weiter zu bestimmen. - Wir suchen die Bedingung der Anschauung für beide zu bestimmen; ob sie etwa durch diese zu unterscheiden seyn möchten.

    Die absolute Thätigkeit wird durch die Bedingung eine objective - heisst offenbar: die absolute Thätigkeit wird, als solche, aufgehoben und vernichtet; und es ist in Rücksicht ihrer vorhanden ein Leiden. Demnach ist die Bedingung aller objectiven Thätigkeit ein Leiden.

    Dieses Leiden muss angeschaut werden. Aber ein Leiden lässt sich nicht anders anschauen, als wie eine Unmöglichkeit der entgegengesetzten Thätigkeit; ein Gefühl des Zwanges zu einer bestimmten Handlung, welches der Einbildungskraft allerdings möglich ist. Dieser Zwang, wird im Verstande fixirt als Nothwendigkeit.

    Das Gegentheil dieser durch ein Leiden bedingten Thätigkeit ist eine freie, angeschaut durch die Einbildungskraft als ein Schweben der Einbildungskraft selbst zwischen Verrichten und Nicht-Verrichten einer und ebenderselben Handlung; Auffassen und Nicht-Auffassen eines und ebendesselben Objectes im Verstande; aufgefasst in dem Verstande, als Möglichkeit.

    Beide Arten der Thätigkeit, die an sich entgegengesetzt sind, werden synthetisch vereinigt.
1) Der Zwang wird durch Freiheit bestimmt; die freie Thätigkeit bestimmt sich selbst zum bestimmten Handeln (Selbstaffection);
2) die Freiheit durch Zwang. Nur unter Bedingung einer schon vorhandenen Bestimmung durch ein Leiden bestimmt sich die in der Selbstbestimmung noch immer freie Selbstthätigkeit zu einem bestimmten Handeln. (Die Spontaneität kann nur reflectiren unter Bedingung einer durch einen Anstoss von aussen schon geschehenen Reflexion; aber sie muss auch unter dieser Bedingung nicht reflectiren.)
3) Beide bestimmen sich gegenseitig in der Anschauung. Wechselwirkung der Selbstaffection des anschauenden, und einer Affection von aussen ist die Bedingung, unter der das anschauende ein anschauendes ist.

    Dadurch ist denn auch zugleich das angeschaute bestimmt.
Das Ding an sich ist Gegenstand der Anschauung unter Bedingung einer Wechselwirkung. Insofern das anschauende thätig ist, ist das angeschaute leidend;
und insofern das angeschaute, welches insofern ein Ding an sich ist, thätig ist,
ist das anschauende leidend. Ferner; insofern das anschauende thätig ist, ist es nicht leidend, und umgekehrt; so auch das angeschaute.
Aber das giebt keine feste Bestimmung, und wir kommen dadurch aus unserem Cirkel nicht heraus. Mithin muss weiter bestimmt werden. Wir müssen nemlich suchen den Antheil eines von beiden in der aufgezeigten Wechselwirkung durch sich selbst zu bestimmen.

 

VII.

 

    Der Thätigkeit des Anschauenden, welcher ein Leiden im Objecte correspondirt, und die demnach in jener Wechselwirkung mit inbegriffen ist, ist entgegengesetzt eine solche Thätigkeit, der kein Leiden im Objecte correspondirt; die demnach auf das anschauende selbst geht (die in der Selbstaffection); und durch diese müsste demnach die erstere bestimmt werden.

    Eine solche bestimmende Thätigkeit müsste angeschaut werden durch die Einbildungskraft, und fixirt werden im Verstande, gerade wie die bis jetzt aufgezeigten Arten derselben.

    Es ist klar, dass auch die objective Thätigkeit des anschauenden keinen anderen Grund haben könne, als die Thätigkeit der Selbstbestimmung: liesse sich demnach diese letztere Thätigkeit bestimmen, so wäre auch die erstere, und mit ihr der Antheil des anschauenden in der Wechselwirkung) so wie durch denselben der Antheil des angeschauten bestimmt.

    Beide Arten der Thätigkeit müssen sich gegenseitig bestimmen:
1) die in sich selbst zurückgehende muss bestimmen die objective, wie soeben gezeigt worden;
2) die objective muss bestimmen die in sich selbst zurückgehende. Soviel objective Thätigkeit, soviel sich selbst bestimmende zur Bestimmung des Objectes.
Aber die objective Thätigkeit lässt sich durch Bestimmung des Objectes bestimmen, mithin durch sie die in der Selbstbestimmung vorkommende.
3) Beide stehen demnach in Wechselbestimmung, wie jetzt gezeigt worden;
und wir haben abermals keinen festen Punct der Bestimmung.

    Die Thätigkeit des angeschauten in der Wechselwirkung, insofern sie auf das anschauende geht, wird gleichfalls bestimmt durch eine in sich selbst zurückgehende Thätigkeit, durch die es sich zur Einwirkung auf das anschauende bestimmt.

    Nach obiger Erörterung ist die Thätigkeit zur Selbstbestimmung Bestimmung eines fixirten Productes der Einbildungskraft im Verstande durch die Vernunft: mithin ein Denken. Das anschauende bestimmt sich selbst zum Denken eines Objects.

    Insofern das Object durch das Denken bestimmt wird, ist es ein gedachtes.

    Nun ist es dadurch soeben bestimmt worden, als sich selbst bestimmend; zu einer Einwirkung auf das anschauende. Diese Bestimmung ist aber lediglich dadurch möglich geworden, dass ein Leiden im entgegengesetzten anschauenden bestimmt werden sollte. Kein Leiden im anschauenden, keine ursprüngliche und in sich selbst zurückgehende Thätigkeit im Objecte, als gedachte Thätigkeit.
Keine solche Thätigkeit im Objecte, kein Leiden im anschauenden. Eine solche Wechselbestimmung aber ist nach obiger Erörterung die durch Wirksamkeit.
Also wird das Object gedacht als Ursache von einem Leiden im anschauenden,
als seinem Effect. - Die innere Thätigkeit des Objects, wodurch es sich bestimmt zur Wirksamkeit, ist ein bloss gedachtes (ein Noumen, wenn man dieser Thätigkeit durch die Einbildungskraft ein Substrat giebt, wie man es muss).

 

VIII.

 

    Die Thätigkeit einer Selbstbestimmung zum Bestimmen eines bestimmten Objects muss weiter bestimmt werden; denn noch haben wir keinen festen Punct. Sie wird aber bestimmt durch eine solche Thätigkeit des anschauenden, die kein Object als ein bestimmtes (- A) bestimmt; die auf kein bestimmtes Object geht (also etwa auf ein Object überhaupt, als blosses Object.)

    Eine solche Thätigkeit müsste, durch Selbstbestimmung A oder -A sich zum Objecte geben können. Sie wäre demnach in Rücksicht auf A oder -A völlig unbestimmt oder frei; frei auf A zu reflectiren, oder davon zu abstrahiren.

    Eine solche Thätigkeit muss zuvörderst angeschaut werden durch die Einbildungskraft; da sie aber zwischen entgegengesetzten, zwischen dem Auffassen und Nicht-Auffassen von A, mitten inne schwebt, muss sie angeschaut werden
auch als Einbildungskraft, d. i. in ihrer Freiheit des Schwebens von einem zum anderen; (gleichsam, wenn man auf ein Gesetz sieht, von welchem wir hier freilich noch nichts wissen, als eine Berathschlagung des Gemüths mit sich selbst.)
- Da jedoch durch diese Thätigkeit eins von beiden, entweder A oder -A, aufgefasst (A als ein zu reflectirendes, oder als ein solches, von dem zu abstrahiren ist, gesetzt) werden muss, so muss sie insofern auch als Verstand angeschaut werden.
- Beides, durch eine neue Anschauung wieder vereinigt, und im Verstande festgesetzt, heisst Urtheilskraft. Urtheilskraft ist das bis jetzt freie Vermögen über schon im Verstande gesetzte Objecte zu reflectiren, oder von ihnen zu abstrahiren, und sie,
nach Maassgabe dieser Reflexion oder Abstraction, mit weiterer Bestimmung im Verstande zu setzen.

    Beide Thätigkeiten, der blosse Verstand als solcher, und die Urtheilskraft als solche, müssen sich wieder gegenseitig bestimmen. 1) Der Verstand die Urtheilskraft.
Er enthält schon in sich die Objecte, von welchen die letztere abstrahirt oder sie reflectirt, und ist daher die Bedingung der Möglichkeit einer Urtheilskraft überhaupt.
2) Die Urtheilskraft den Verstand; sie bestimmt ihm das Object überhaupt als Object. Ohne sie wird überhaupt nicht reflectirt; ohne sie ist mithin nichts fixirtes im Verstande, welches erst durch Reflexion, und zum Behuf der Reflexion gesetzt wird, - mithin auch überhaupt kein Verstand; und so ist die Urtheilskraft hinwiederum die Bedingung der Möglichkeit des Verstandes, und beide 3) bestimmen sich demnach gegenseitig. Nichts im Verstande, keine Urtheilskraft; keine Urtheilskraft, nichts im Verstande für den Verstand, kein Denken des gedachten, als eines solchen.

    Laut der Wechselbestimmung wird dadurch nun auch das Object bestimmt.
Das gedachte, als Object des Denkens, also insofern als leidend, wird bestimmt durch ein nicht-gedachtes, mithin durch ein bloss denkbares (das den Grund seiner Denkbarkeit in sich selbst, und nicht in dem denkenden haben, mithin insofern thätig, und das denkende in Beziehung darauf leidend seyn soll). Beide, das gedachte und das denkbare, werden nun gegenseitig durch einander bestimmt: 1) alles gedachte ist denkbar; 2) alles denkbare wird gedacht als denkbares, und ist nur insofern denkbar, als es als solches gedacht wird. Kein denkbares, kein gedachtes; kein gedachtes,
kein denkbares. - Das denkbare und die Denkbarkeit als solche sind blosser Gegenstand der Urtheilskraft.

    Nur das als denkbar beurtheilte kann als Ursache der Anschauung gedacht werden.

    Das denkende soll sich selbst bestimmen, etwas als denkbar zu denken, und insofern wäre das denkbare leidend; aber hinwiederum soll das denkbare sich selbst bestimmen, ein denk. bares zu seyn; und insofern wäre das denkende leidend. Dies giebt hinwiederum eine Wechselwirkung des denkenden und des gedachten im Denken; mithin keinen festen Bestimmungspunct, und wir müssen das urtheilende noch weiter bestimmen.

 

IX.

 

    Die Thätigkeit, die überhaupt ein Object bestimmt, wird bestimmt durch eine solche, die gar kein Object hat, durch eine überhaupt nicht-objective, der objectiven entgegengesetzte Thätigkeit. Es ist nur die Frage, wie eine solche Thätigkeit gesetzt, und der objectiven entgegengesetzt werden könne.

    So wie eben die Möglichkeit deducirt wurde, von allem bestimmten Objecte = A zu abstrahiren, so wird hier die Möglichkeit postulirt, von allem Objecte überhaupt zu abstrahiren. Es muss ein solches absolutes Abstractions-Vermögen geben, wenn die geforderte Bestimmung möglich seyn soll; und sie muss möglich seyn, wenn ein Selbstbewusstseyn, und ein Bewusstseyn der Vorstellung möglich seyn soll.

    Ein solches Vermögen sollte zuvörderst angeschaut werden können.
- Die Einbildungskraft schwebt überhaupt zwischen Object und Nicht-Object,
kraft ihres Wesens. Sie wird fixirt, kein Object zu haben; das heisst, die (reflectirte) Einbildungskraft wird gänzlich vernichtet, und diese Vernichtung, dieses Nicht-seyn der Einbildungskraft wird selbst durch (nicht reflectirte, und daher nicht zum deutlichen Bewusstseyn kommende) Einbildungskraft angeschaut.
(Die in uns vorhandene dunkle Vorstellung, wenn wir erinnert werden, zum Behuf des reinen Denkens von aller Beimischung der Einbildungskraft zu abstrahiren, ist diese dem Denker gar oft vorkommende Anschauung).
- Das Product einer solchen (nicht-reflectirten). Anschauung sollte fixirt werden im Verstande; aber dasselbe soll Nichts, gar kein Object seyn, mithin ist es nicht zu fixiren (Die dunkle Vorstellung des Gedankens von einem blossen Verhältnisse, ohne Glieder desselben, ist so etwas.) Bleibt demnach nichts übrig, als überhaupt die blosse Regel der Vernunft, zu abstrahiren, das blosse Gesetz einer nicht zu realisirenden Bestimmung (durch Einbildungskraft, und Verstand für das deutliche Bewusstseyn); - und jenes absolute Abstractionsvermögen ist mithin selbst die Vernunft.24

    Wenn alles objective aufgehoben wird, bleibt wenigstens das sich selbst bestimmende, und durch sich selbst bestimmte, das Ich, oder das Subject übrig. Subject und Object werden so durch einander bestimmt, dass eins durch das andere schlechthin ausgeschlossen wird. Bestimmt das Ich nur sich selbst, so bestimmt es nichts ausser sich; und bestimmt es etwas ausser sich, so bestimmt es nicht bloss sich selbst. Das Ich aber ist jetzt als dasjenige bestimmt, welches, nach Aufhebung alles Objects durch das absolute Abstractionsvermögen, übrig bleibt und das Nicht-Ich als dasjenige, von welchem durch jenes Abstractionsvermögen abstrahirt werden kann: und wir haben demnach jetzt einen festen Unterscheidungspunct zwischen dem Objecte und Subjecte.

    (Dies ist denn auch wirklich die augenscheinliche, und nach ihrer Andeutung gar nicht mehr zu verkennende Quelle alles Selbstbewusstseyns. Alles, von welchem ich abstrahiren, was ich wegdenken kann
[wenn auch nicht auf einmal, doch wenigstens so, dass ich von dem,
was ich jetzt übrig lasse, hinterher abstrahire, und dann dasjenige übrig lasse,
von dem ich jetzt abstrahiren], ist nicht mein Ich, und ich setze es meinem Ich bloss dadurch entgegen, dass ich es betrachte, als ein solches, das ich wegdenken kann.
Je mehreres ein bestimmtes Individuum sich wegdenken kann, desto mehr nähert sein empirisches Selbstbewusstseyn sich dem reinen; - von dem Kinde an, das zum ersten Male seine Wiege verlässt, und sie dadurch von sich selbst unterscheiden lernt,
bis zum popularen Philosophen, der noch materielle Ideen-Bilder annimmt, und nach dem Sitze der Seele fragt, und bis zum transcendentalen Philosophen, der wenigstens die Regel, ein reines Ich zu denken, sich denkt, und sie erweiset.)

 

X.

 

    Diese, das Ich durch Abstraction von allem, wovon abstrahirt werden kann, bestimmende Thätigkeit müsste selbst wieder bestimmt werden.
Da aber in dem, von welchem nicht und in welchem von Nichts abstrahirt werden kann (daher wird das Ich als einfach beurtheilt), sich nichts weiter bestimmen lässt:
so könnte sie bloss durch eine schlechthin nicht bestimmende Thätigkeit - und das durch sie bestimmte durch ein schlechthin unbestimmtes bestimmt werden.

    Ein solches Vermögen des schlechthin unbestimmten, als die Bedingung alles bestimmten, ist nun allerdings an der Einbildungskraft durch Folgerungen nachgewiesen worden; aber es lässt als solches sich gar nicht zum Bewusstseyn erheben, weil dann dasselbe reflectirt, mithin durch den Verstand bestimmt werden müsste, mithin es nicht unbestimmt und unendlich bliebe.

    Das Ich ist in der Selbstbestimmung soeben, als bestimmend und bestimmt zugleich, betrachtet worden. Wird vermittelst der gegenwärtigen höheren Bestimmung darauf reflectirt, dass das das schlechthin bestimmte bestimmende ein schlechthin unbestimmtes seyn müsse; ferner darauf, dass das Ich und Nicht-Ich schlechthin entgegengesetzt sind, so ist, wenn das Ich als bestimmt betrachtet wird, das bestimmende unbestimmte das Nicht-Ich; und im Gegentheil, wenn das Ich als bestimmend betrachtet wird, ist es selbst das unbestimmte, und das durch dasselbe bestimmte ist das Nicht-Ich, und hieraus entsteht folgender Widerstreit:

    Reflectirt das Ich auf sich selbst, und bestimmt sich dadurch, so ist das Nicht-Ich unendlich und unbegrenzt. Reflectirt dagegen das Ich auf das Nicht-Ich überhaupt (auf das Universum) und bestimmt es dadurch, so ist es selbst unendlich. In der Vorstellung stehen demnach Ich und Nicht-Ich in Wechselwirkung ist das eine endlich, so ist das andere unendlich, und umgekehrt; eins von beiden ist aber immer unendlich. - (Hier liegt der Grund der von Kant aufgestellten Antinomieen.)

 

XI.

 

    Wird in einer noch höheren Reflexion darauf reflectirt, dass das Ich selbst das schlechthin bestimmende, mithin auch dasjenige sey, welches die obige Reflexion, von der der Widerstreit abhängt, schlechthin bestimme: so wird das Nicht-Ich in jedem Falle wieder ein durch das Ich bestimmtes; es sey nun für die Reflexion ausdrücklich bestimmt, oder es sey für die Bestimmung des Ich durch sich selbst in der Reflexion unbestimmt gelassen; und so steht das Ich, insofern es endlich oder unendlich seyn kann, bloss mit sich selbst in Wechselwirkung: eine Wechselwirkung, in der das Ich mit sich selbst vollkommen vereinigt ist, und über welche keine theoretische Philosophie hinaufsteigt.

 

Dritter Theil.

Grundlage der Wissenschaft des Praktischen.

 

§ 5. Zweiter Lehrsatz.

 

    In dem Satze, welcher das Resultat der drei Grundsätze der gesammten Wissenschaftslehre war: das Ich und das Nicht-Ich bestimmen sich gegenseitig, lagen folgende zwei; zuvörderst der: das Ich setzt sich als bestimmt durch das Nicht-Ich, den wir erörtert und gezeigt haben, welches Factum in unserem Geiste demselben entsprechen müsse; und dann folgender: das Ich setzt sich als bestimmend das Nicht-Ich.

    Wir konnten zu Anfange des vorigen § noch nicht wissen, ob wir dem letzteren Satze jemals eine Bedeutung würden zusichern können, da in demselben die Bestimmbarkeit, mithin die Realität, des Nicht-Ich vorausgesetzt wird, welche anzunehmen wir dort noch keinen Grund aufzeigen konnten.

    Nunmehro aber ist durch jenes postulirte Factum, und unter Voraussetzung desselben zugleich die Realität eines Nicht-Ich - es versteht sich, für das Ich, - wie denn die ganze Wissenschaftslehre, als transcendentale Wissenschaft, nicht über das Ich hinausgehen kann, noch soll, - postulirt, und die eigentliche Schwierigkeit, die uns verhinderte, jenen zweiten Satz anzunehmen, ist gehoben. Hat ein Nicht Ich Realität für das Ich, und - welches das gleiche heisst - setzt das Ich dasselbe als real, wovon die Möglichkeit sowohl, als die Art und Weise nunmehro dargestellt worden; so kann, wenn die anderweitigen Bestimmungen des Satzes denkbar sind, wie wir freilich noch nicht wissen können, das Ich allerdings auch sich setzen, als bestimmend (einschränkend, begrenzend) jene gesetzte Realität.

    In Erörterung des aufgestellten Satzes: das Ich setzt sich, als bestimmend das Nicht-Ich, könnten wir gerade so verfahren, wie wir in Erörterung des obigen Satzes: das Ich setzt sich als bestimmt durch das Nicht- Ich, verfuhren. Es liegen in diesem ebensowohl als in jenem mehrere Gegensätze; wir könnten dieselben aufsuchen, sie synthetisch vereinigen, die durch diese Synthesis entstandenen Begriffe, wenn sie etwa wieder entgegengesetzt seyn sollten, abermals synthetisch vereinigen, u.s.f. und wir wären sicher nach einer einfachen und gründlichen Methode unseren Satz völlig zu erschöpfen Aber es giebt eine kürzere, und darum nicht weniger erschöpfende Art, ihn zu erörtern.

    Es liegt nemlich in diesem Satze eine Haupt-Antithese, die den ganzen Widerstreit zwischen dem Ich, als Intelligenz, und insofern beschränktem, und zwischen ebendemselben, als schlechthin gesetztem, mithin unbeschränktem Wesen umfasst, und uns nöthiget, als Vereinigungsmittel ein praktisches Vermögen des Ich anzunehmen. Wir werden zuvörderst diese Antithese aufsuchen, und die Glieder ihrer Gegensetzung vereinigen. Die übrigen Antithesen werden sodann sich von selbst finden, und sich um so leichter vereinigen lassen.

 

I.

 

    Wir nehmen, um diese Antithese aufzusuchen, den kürzesten Weg, auf welchem zugleich, von einem höheren Gesichtspuncte aus, der Hauptsatz aller praktischen Wissenschaftslehre, der: das Ich setzt sich als bestimmend das Nicht-Ich, als annehmbar erwiesen wird, und gleich vom Anfange an eine höhere Gültigkeit erhält,
als eine bloss problematische.

    Das Ich überhaupt ist Ich; es ist schlechterdings Ein und ebendasselbe Ich,
kraft seines Gesetztseyns durch sich selbst (§ 1.).

    Insofern nun insbesondere das Ich vorstellend oder eine Intelligenz ist, ist es als solches allerdings auch Eins; ein Vorstellungsvermögen unter nothwendigen Gesetzen; aber es ist insofern Bar nicht Eins und ebendasselbe mit dem absoluten, schlechthin durch sich selbst gesetzten Ich.

    Denn das Ich als Intelligenz ist zwar, insofern es dies schon ist, seinen besonderen Bestimmungen nach innerhalb dieser Sphäre durch sich selbst bestimmt; es ist auch insofern nichts in ihm, als dasjenige, was es in sich setzt, und in unserer Theorie ist nachdrücklich widersprochen worden der Meinung, dass irgend etwas in das Ich komme, wogegen dasselbe sich bloss leidend verhalte. Aber diese Sphäre selbst, überhaupt und an sich betrachtet, ist ihm nicht durch sich selbst, sondern durch etwas ausser ihm gesetzt; die Art und Weise des Vorstellens überhaupt ist allerdings durch das Ich; dass aber überhaupt das Ich vorstellend sey, ist nicht durch das Ich, sondern durch etwas ausser dem Ich bestimmt, wie wir gesehen haben. Wir konnten nemlich die Vorstellung überhaupt auf keine Art möglich denken, als durch die Voraussetzung, dass auf die ins unbestimmte und unendliche hinausgehende Thätigkeit des Ich ein Anstoss geschehe. Demnach ist das Ich, als Intelligenz überhaupt, abhängig von einem unbestimmten und bis jetzt völlig unbestimmbaren Nicht-Ich; und nur durch und vermittelst eines solchen Nicht-Ich ist es Intelligenz25.

    Das Ich aber soll allen seinen Bestimmungen nach schlechthin durch sich selbst gesetzt, und demnach völlig unabhängig von irgend einem möglichen Nicht Ich seyn.

    Mithin ist das absolute Ich, und das intelligente (wenn es erlaubt ist, sich auszudrücken, als ob sie zwei Ich ausmachten, da sie doch nur Eins ausmachen sollen) nicht Eins und ebendasselbe, sondern sie sind einander entgegengesetzt; welches der absoluten Identität des Ich widerspricht.

    Dieser Widerspruch muss gehoben werden, und er lässt sich nur auf folgende Art heben: - die Intelligenz des Ich überhaupt, welche den Widerspruch verursacht, kann nicht aufgehoben werden, ohne dass das Ich abermals in einen neuen Widerspruch mit sich selbst versetzt werde; denn wenn einmal ein Ich gesetzt, und ein Nicht-Ich demselben entgegengesetzt ist, so ist auch, laut der gesammten theoretischen Wissenschaftslehre, ein Vorstellungsvermögen mit allen seinen Bestimmungen gesetzt. Auch ist das Ich, insofern es schon als Intelligenz gesetzt ist, bloss durch sich selbst bestimmt, wie wir soeben erinnert und im theoretischen Theile erwiesen haben.
Aber die Abhängigkeit des Ich, als Intelligenz, soll aufgehoben werden,
und dies ist nur unter der Bedingung denkbar, dass das Ich jenes bis jetzt unbekannte Nicht-Ich, dem der Anstoss beigemessen ist, durch welchen das Ich zur Intelligenz wird, durch sich selbst bestimme.
Auf diese Art würde das vorzustellende Nicht-Ich unmittelbar, das vorstellende Ich aber mittelbar, vermittelst jener Bestimmung, durch das absolute Ich ..........

[Fichte: Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, S. 245 ff.
Die digitale Bibliothek der Philosophie, S. 30203 (vgl. Fichte-W Bd. 1, S. 245 ff.]

 

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